– Interior – Separate Reality

Coelner Zimmer, Düsseldorf

Szenarien divergierender Realitäten – von Svetlana Chernyshova


Was ist ein Bild im Zeitalter seiner digitalen Zirkulation und (Re-)Produzierbarkeit? Dieser Frage geht Thorben Eggers in seiner Arbeit nach, denn seine Bilder oszillieren stets zwischen Praktiken des Automatisiert-Digitalen und Körperlich-Analogen. Von Bilderfluten durchzogen, sind wir es in unserem Hier-und-Jetzt gewohnt, über Bilder zu kommunizieren. Ob als Smartphone-Schnappschüsse, Gifs oder Screenshots – Bilder werden bearbeitet, geteilt, kommentiert, gehen viral oder verschwinden schlicht in der Masse ihrer Variationen und Wiederholungen. Gleichzeitig schleichen sich in diese bilddominierte Realität fast unbemerkt Prozesse ein, die unsere Seh- und Wahrnehmungsgewohnheiten grundlegend verändern: Fotoaufnahmen werden algorithmisch optimiert, Farbwerte angepasst, Kontraste eingestellt, Gesichtsfältchen geglättet. Mit dieser ‚hybriden Realität‘ sowie Übergängen zwischen dem Digitalen und Analogen setzen sich auch die Arbeiten von Thorben Eggers auseinander. In seinem Arbeitsprozess greift Eggers auf vorgefundene, digitale Bilder zurück, die mittels eines KI-gesteuerten Programms miteinander kombiniert werden und schließlich vom Künstler in ein gemaltes Bild ‚überführt‘. Die auf diese Weise generierten Bildkompositionen, die algorithmisch ‚vervollständigt‘ bzw. ‚ergänzt‘ werden, markieren dabei aber vor allem Momente des ‚Scheiterns‘ der KI: Raumverhältnisse stimmen plötzlich nicht mehr, Unschärfe schleicht sich ein, einzelne Elemente fallen aus dem visuell-kausalen Zusammenhang heraus, Formen und Motive gehen ineinander über, wiederholen sich, setzen sich ab. Das Fragmentarisch-Verschachtelte verbleibt jedoch nicht nur ‚im‘ Bild, sondern setzt sich darüber hinaus auf der Ebene des Formats der Leinwand fort: Mal ‚fehlt‘ dem Rechteck eine kleine Ecke, mal ‚überschreitet‘ die Leinwand ihre vermeintliche Grenze. Neben dem Bildinhalt verschiebt und verschachtelt sich folglich auch das Format selbst und lässt das Bild damit zu einem ‚Bildobjekt werden. Die im Rahmen der Ausstellungsreihe „Separate Reality“ gezeigten Arbeiten greifen jene Fragen von Digitalität auf und thematisieren in ihrem Spiel mit Verschiebungen und Spiegelungen aber vor allem die Thematik des Räumlichen sowie Vertraut-Alltäglichen. So greifen etwa die Bildserien Interior sowie NYC_APP (deren Titel symptomatischerweise selbst an Dateibeschriftungen erinnern) in ihrer angedeuteten Darstellung von Möbeln und Einrichtungsgegenständen das Wohnlich-Gewohnte auf, produzieren dabei aber auch Realitäten, die sich aufsplitten und die digitale Bildstörung zu ihrem Spielfeld machen. Zimmerpflanzen, Kommoden und Sofafragmente, die allesamt private Alltagsszenarien adressieren, darin aber nicht aufgehen und sich loslösen. Szenarien divergierender Realitäten. Was vermögen diese Realitäten? Und was vermögen diese Bilder, als Bilder einer digitalen Alltäglichkeit, die sich entzieht, und doch immer vertrauter zu werden scheint?

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